… es wird wirklich Zeit für meinen zweiten Blog-Eintrag, seitdem ich hier bin.
Regelmäßigkeit meiner Blog-Einträge:
Man könnte sagen, wer sich nicht meldet, dem geht es gut! Und so ist es in meinem Fall, bezogen auf meinen Blog, wirklich. Natürlich hatte ich mir vorgenommen sehr regelmäßig hier zu schreiben. Da ich aber in meiner Wohnung nach wie vor kein Internet habe (wer weiß, ob sich das nochmal ändert) und da ich an der Uni doch viel stärker eingespannt bin, als erwartet, hatte ich einfach keine Zeit um etwas zu schreiben.
Zudem gibt es in Istanbul einfach 1000 Sachen, die einem in den Sinn kommen, was man machen könnte (wenn man Zeit hat) und Blog schreiben stand bei mir ca. an 999. Stelle.
Zugegeben war ich ein wenig genervt davon, dass ich kein Internet habe und nicht so regelmäßig Einträge schreiben konnte, wie ich mir das vorgestellt habe. Bilder hochladen ist in dem Blog nicht möglich, da das Internet an der Uni zu langsam ist. Wer dennoch Bilder sehen möchte, kann sich mein Facebook-Album gerne anschauen, hier habe ich ein paar Eindrücke hochgeladen.
Und der letzte Punkt zum Thema Regelmäßigkeit der Einträge: Ich möchte meine Einträge, wenn möglich, qualitativ so gut wie möglich gestalten, da ich hier so viele Eindrücke habe und es kaum möglich ist, die in einem Blog oder durch Bilder wirklich entsprechend zu dokumentieren. Dazu hatte ich aufgrund der Internetproblematik einfach keine Möglichkeit.
Zusammenfassung meiner „1. Halbzeit“ in Istanbul
Uni:
„Was, Du gehst an die ITÜ (Istanbul Teknik Üniversitesi), keiner mag die Uni, weil sie so schwer ist.“ (1. Kommentar meiner Mitbewohner)
„Hast Du bei dir an der Uni schon mal eine Frau gesehen?“ (2. Kommentar meiner Mitbewohner in Anspielung auf den technischen Schwerpunkt der Uni und die Mehrzahl der Männer an der Uni; kam mir bekannt vor von Kaiserslautern)
„Wow, die ITÜ ist eine der besten Unis in der Türkei, Glückwunsch.“ (Kommentare einiger Einheimischer)
„Die Klausuren dort sind echt geschenkt, wir haben die ganze Zeit nur gesoffen während wir in Istanbul waren“ (Kommentar einiger Leute aus Deutschland, die vor mir an der ITÜ in Istanbul waren)
… das waren die Meinungen, die ich bis jetzt hatte und die es zu prüfen galt.
Nachdem ich in meinen ersten drei Wochen in Istanbul an dem Intensivsprachkurs teilgenommen habe, begann für mich in meiner 4. Woche in Istanbul die Uni, d.h. ich bin erst in der zweiten Uniwoche eingestiegen. Ich belege genau die Vorlesungen (da bin ich wohl der Einzige ERASMUS-Student J), die ich mir vorgenommen habe: Marketing-Management, Entwicklungsökonomie und International Trade.
Ich muss sagen, dass ich von der Qualität meiner Veranstaltungen sehr positiv überrascht bin. Die Professorinnen (!!) sprechen alle drei sehr gutes Englisch und die Vorlesungen sind sehr interaktiv, aufgrund von kleineren Gruppen, gestaltet. Das System der Uni weicht deutlich von dem in Deutschland ab. In allen Fächern besteht Anwesensheitspflicht (zu 70%), Mitarbeit fließt in die Note ein und man hat während des Semesters ständig etwas zu tun. Präsentationen halten, Paper schreiben, Hausaufgaben machen (Kapitel in englischsprachiger Literatur lesen und Aufgaben beantworten), sowie Tests, Zwischenklausuren und Abschlussklausuren gehören zum Standard eines türkischen Studenten. Damit ähnelt das System wohl dem amerikanischen Unisystem. In Deutschland besteht nämlich größtenteils keine Anwesenheitspflicht während der Vorlesung und man schreibt eine große Klausur am Ende des Semesters.
Da ich wirklich in allen drei Fächern all die beschriebenen Dinge zu tun habe, bin ich ständig eingespannt und habe deutlich weniger Freizeit, als gedacht. Viele meiner ERASMUS Mitstudenten, die zum Teil sechs Kurse gewählt haben (Pflicht für Bachelor-Studenten), sind regelrecht überfordert mit der Menge der Aufgaben, die zu erledigen sind. Ich habe auf jeden Fall auch schon einige Stunden, in der zum Glück sehr neuen und modernen Bibliothek (7/24 geöffnet) verbracht. Da ich diese Woche meine erste Zwischenklausur hatte, kann ich sagen, dass die Klausur nicht die schwerste war, die ich bis jetzt geschrieben habe, aber man auf jeden Fall etwas dafür tun muss, um sie zu bestehen. Zudem hat man aufgrund der vielen kleinen Aufgaben während des Semesters nicht so viel Zeit, wie in Deutschland, um sich wirklich gezielt auf die Klausur vorzubereiten. Dazu kommt, ich bin ERASMUS-Student und man will nicht das ganze Semester nur lernen. Insgesamt kommt mir persönlich das System aber mehr entgegen, als das Deutsche, das ist aber Geschmackssache.
Zu dem Kommentar mit den Frauen an meiner Uni, nehme ich auch noch kurz Stellung J. Das Vorurteil mag für einige Fachbereiche stimmen, aber an meinem Campus, dem Management Engineering Campus, trifft es auf jeden Fall nicht zu. Das Verhältnis Männer Frauen hält sich sehr gut die Waage, ich kann mich nicht beschweren J.
Türkisch:
Nachdem ich in meinen ersten drei Wochen in Istanbul (hochmotiviert) bei dem Intensivsprachkurs sehr viel gelernt habe, ist es nun ein wenig ins Gegenteil umgeschlagen. Ich habe mich für einen zweiten Sprachkurs an meiner Uni angemeldet. Auf dem Anmeldebogen gab es folgende Auswahmöglichkeiten: Beginner, Pre-Intermediate, Intermediate und Fortgeschrittene. Da ich bereits 60 Stunden hinter mir hatte, habe ich mich für den Pre-Intermaediate-Kurs angemeldet, wie viele, die den Einsteigerkurs mit mir zusammen gemacht haben. Allerdings gibt es jetzt nur zwei Beginner-Kurse und alle anderen wurden in einen Intermediate-Kurs gepackt. Dieser besteht bzw. bestand aus ca. 30 Leuten von denen vielleicht fünf das Niveau haben, das dort „angeschlagen“ wird. Da der Kurs dienstags und donnerstags abends von 18 bis 21 Uhr ist und ich, wie bereits erwähnt schon mit der Uni viel zu tun habe, bin ich zuletzt nicht mehr hingegangen, um auch noch ein wenig Freizeit zu haben.
Außerdem unterhalte ich mich mit meinen türkischen Mitbewohnern fast nur auf Englisch, sodass ich momentan kaum Fortschritte mache.
Zugegebenermaßen ist die Sprache auch nicht leicht und ganz anders, als die mir bislang bekannten (Deutsch, Englisch oder Französisch). Deshalb wird es wohl nicht zum Small-Talk reichen bis zum Ende meines Aufenthaltes. Im Türkischen gibt es z.B. keine Artikel und die wirkliche Bedeutung eines Wortes oder Zusammenhanges macht immer die Endung aus, die zum Teil sehr lange werden kann. Daher können kleine Änderungen in der Endung schon eine große Wirkung haben.
Mein Türkisch reicht aber zum Einkaufen und ich verstehe einige Wörter auf Plakaten in der Stadt, außerdem kann ich mittlerweile zumindestens ab und zu raushören über welches Thema sich meine Mitbewohner unterhalten.
Mein Alltag:
Nachdem die ersten vier Wochen wirklich sehr, sehr aufregend und wie Urlaub für mich waren, habe ich nun einen geregelten Tagesablauf, der doch stark durch die Uni geprägt ist. Ich habe drei Vorlesungen, die jeweils drei Stunden gehen. Um die Hausaufgaben bewältigen zu können brauche ich pro Fach fast regelmäßig zwei Tage.
Türken machen scheinbar gerne alles auf einmal, aber dafür nicht so im Detail wie die Deutschen. Und da ich eher perfektionistisch veranlagt bin, habe ich meine Arbeitsweise ein wenig umstellen müssen.
Nachdem ich die ersten vier Wochen jeden Tag nur unterwegs war und die komplette Stadt „entdeckt“ habe, gehe ich jetzt noch 1-3x abends weg.
Istanbul hat sehr viele verschiedene Stadtviertel, die sich vom Aussehen doch stark unterscheiden. Ich bin meistens in Taksim, Besiktas oder Kadiköy unterwegs.
Stadtviertel von Istanbul:
Taksim: Hier befindet sich die 1,5 km lange Einkaufsstraße und sehr viele Bars und Diskotheken. Das Essen hier ist meistens etwas teurer und nicht so gut, weil es alles etwas touristischer ist. Die Nebenstraßen des Stadtviertel Beyoglu, in dem sich Taksim befindet, sind zum Teil etwas runtergekommen und man sollte sich nicht unbedingt alleine dort aufhalten. In Taksim befindet sich auch das Stadion von Galatasaray.
Besiktas: Besiktas ist ein sehr modernes, schönes Viertel, in dem das Wohnen zwar etwas teurer ist, aber aufgrund seiner zentralen Lage und dem gehobenen Standard, wohnen hier auch viel reichere Leute oder auch Studenten, da die Entfernung zur Uni sehr kurz ist.
Kadiköy: Kadiköy ist ein 1 Million Einwohner großes Stadtviertel auf der asiatischen Seite, wo sich unter anderem das Stadion von Fenerbahce befindet. Kadiköy hat sehr schöne Straßen mit verschieden Bars, die nicht so stark touristisch geprägt sind und die die Preise deshalb auch etwas niedriger sind.
Fatih: Fatih ist das Stadtviertel, in dem ich wohne. Dieses Stadtviertel ist ein sehr altes Stadtviertel, man kann unter anderem noch einige Mauern aus der Zeit der Römer sehen. Das Essen ist hier günstiger, als überall, wo ich bis jetzt sonst unterwegs war. Die Leute sind großteils Familien und scheinen etwas konservativer zu sein. Man sieht hier auch deutlich mehr Frauen mit Kopftüchern, als in den zuvor beschriebenen Stadtvierteln.
Sultanahmed: Sultanahmed ist die Touristenhochburg. Hier befinden sich die Hagia Sophia, die Blaue Moschee und Topkapi-Palast. Aufgrund dessen sprechen die meisten Kellner in den Restaurants auch Englisch. Die Preise in den Restaurants sind sehr hoch und die Touristen bekommen das zu sehen, was sie von einem Besuch in Istanbul „erwarten“. Türkische Cafes, Restaurants, Bazare etc. Das Lustige ist nur, dass die Einheimischen dort eher nicht hingehen. Wenn man wirklich das Leben der Einheimischen mitbekommen möchte, sollte man eher nach Kadiköy, Besiktas oder Fatih gehen.
Das habe ich bis jetzt von Istanbul gesehen:
Den Großteil der wichtigen Stadtviertel und die Touristenattraktionen, sowie das Schwarze Meer und die Princess Islands habe ich gesehen.
Zusätzlich habe ich das Spiel zwischen Besiktas und Ankaragücü besucht. Die Tickets kosten dort zwischen 8€ und 20€. Allerdings sind die Stadien in der Türkei meistens nicht ausverkauft, genau wie bei diesem Spiel. Das Stadion Besiktas ist das älteste und kleinste der drei großen Istanbuler Mannschaften. Das Spiel selbst endete mit 3-1 für Besiktas und dementsprechend sehr gut war die Stimmung im Stadion.
Ansonsten hatte ich zuletzt Karten für das Finale der WTA im Damen-Tennis in Istanbul. Die Ticktest kosteten nur 4€ für einen Tag, an dem man drei Spiel gucken konnte. Da ich zuvor noch nie Profi-Tennis live gesehen habe und hier die Nummer eins bis acht der Weltrangliste antraten, war es für mich eine sehr interessante Veranstaltung. Und wer kann sonst schon behaupten Maria Sharapova, Caroline Wozniatzki, die Nr. 1 der Welt, die US-Open Siegerin (Amanda Stosur) und die French Open Siegerin (Li Na) an einem Tag gesehen zu haben J.
Leider bin ich letzte Woche in den Bayram-Ferien in Istanbul geblieben, weil ich persönlich (!!!) ein Paper abgeben musste, sowie die ganzen Klausuren vor der Brust hatte. Mein Mitbewohner hatte mir angeboten mit ihm nach Ankara zu seiner Familie zu kommen.
Morgen werde ich noch das Euro League Spiel im Basketball zwischen Efes Anadolu und Partizan gucken gehen. Der Eintritt ist frei für ERAMSUS-Studenten! Die Euro League wird übrigens von der türkischen Fluggesellschaft Turkish Airlines gesponsort, die sehr viel in Sport investiert.
http://www.euroleague.net/
Generell investiert die Türkei sehr viel Geld in den Sport. Neben dem Marathon, der hier stattfindet (ich habe am 8km Lauf teilgenommen), findet hier auch das oben beschrieben WTA Championships der Damen im Tennis statt, sowie ein Formel 1Grand Prix.
Im Jahr 2012 ist Istanbul die „europäische Hauptstadt der Sports“. Allerdings ist das Sportangebot in der Realität in Istanbul sehr eingeschränkt. Es ist fast nicht möglich laufen zu gehen, außer am Meer, wegen dem viele Verkehr und der Luftverschmutzung. Sportvereine findet man kaum. Man findet ein paar Fußball- und Basketballplätze. Fitness Center sind selten und relativ teuer.
Weiterhin ist das Sportinteresse der Türken deutlich eingeschränkter, als das in Deutschland. Fußball ist mit Abstand die Nr. 1 und läuft in fast jeder Kneipe. Außerdem kann man noch relativ viel Basketball und Volleyball im Fernsehen. Aber ansonsten hält sich das Sportinteresse doch sehr in Grenzen.
Leben in meiner WG:
Anfang November ist nun auch Emrah, mein dritter Mitbewohner aus New York zurückgekommen, dem ich zu verdanken habe, dass ich hier wohnen kann. Emrah und Umut, die beide auch bei AIESEC waren und schon in den USA, Südkorea, Deutschland, Frankreich und Russland für Praktika waren, sprechen beide sehr gut Englisch und ich unternehme ziemlich viel mit ihnen. Dadurch habe ich viele typische türkische Restaurants und Plätze kennengelernt. Außerdem ist es sehr interessant sich mit ihnen darüber zu unterhalten, was türkische Jugendliche für tägliche Probleme haben oder auch was sie über Deutschland denken etc.. Meine Mitbewohner sind sehr, sehr gastfreundlich, aufgeschlossen und interessieren sich sehr für das Weltgeschehen. Ich denke, ich hätte es besser nicht treffen können.